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Weniger ist mehr!

Oktober `14

Vor nicht allzu langer Zeit hieß es, wir müssten den Gürtel enger schnallen, wir hätten über unsere Verhältnisse gelebt, es müssten Reformen her.

Jetzt heisst es, die Menschen sollten doch wieder in die Lage versetzt werden von ihrem Lohn auch leben zu können. „Mehr netto vom brutto“ ist so ein Slogan. Vom-Lohn-leben-können, das ist zur Zeit politisch sexy, von Gürteln ist keine Rede mehr. Stattdessen vom magischen Mindestlohn.

Der Mindestlohn ist ein Geschenk aufgeklärter Kreise an die kleinen Leute. Gemeint als eine Art Wiedergutmachung für die Schäden, die die Dringendnotwendigenreformen angerichtet haben. Geboren aus dem schlechten Gewissen, weil die Finanzkrise auch durch ihre Gier und mit ihrem Geld angerichtet wurde. Er dient dazu, dass gute Bürger wieder ein gutes Gefühl haben. Das ist vielleicht heuchlerisch, aber hey, ist doch egal! Hauptsache mehr, oder nicht?

Mal sehen. Ab dem ersten Arbeitstag des neuen Jahres verdienen angestellte Taxifahrer im Monat ca. 150-200€ weniger durch den Mindestlohn.

Moment: Weniger?

Ja. Ein wesentlicher Bestandteil des Lohns eines angestellten Taxifahrers sind Zuschläge. Für Nachtarbeit, für Arbeit an Wochenenden und an Feiertagen. Um Arbeitgeber und Angestellte zu motivieren, ihre Dienstleistung auch zu Zeiten anzubieten, wo andere frei haben, hat der Staat diese Zuschläge von Steuern und Sozialabgaben befreit. Ein Arbeitgeber kann seinen Angestellten diese Zuschläge gewähren, muss er aber nicht. Noch tut er es, aber bald nicht mehr.

Mindestlohn bedeutet nämlich, dass irgendwelche Zuschläge von nun an zusätzlich gezahlt werden müssten. Und das ist das Problem, denn leider ist die Taxibranche ein Kleingeldgewerbe. Taxiunternehmer sind keine Konzerne, sondern Krauter. Manchmal nur mit einem Angestellten. Zuschläge auf den Mindestlohn würden den überschaubaren Gewinn eines solchen Arbeitgebers komplett aufzehren. Also zahlt er sie nicht mehr.

Und vielen Taxifahrern wird es erst gar nicht möglich sein ihren neuen Mindestlohn überhaupt zu erwirtschaften. Ihr Arbeitgeber wird sie deshalb entweder entlassen oder selbst pleite gehen. In vielen Fällen wird sogar beides passieren.

Und an dieser Stelle ist es seit den Agenda-Reformen jetzt wieder an der Zeit mit Inbrunst auszurufen: 

Aber nicht nur die SPD hat aus der Krise gelernt, wir alle haben es. Zum Beispiel, dass immer irgendwo ein Plus auftaucht, wenn irgendwo ein Minus entsteht. Und so ist es auch in unserem Kleingeldbeispiel. Das Plus wird dieses Mal der Staat machen. Denn mit dem Mindestlohn steigt nicht das Einkommen der Taxifahrer, sondern nur der abgabenpflichtige Teil davon.

Bedeutet: Die Kutscher zahlen mehr in die Kassen. Für Rente und so.

Leider zahlen sie nicht so viel mehr ein, dass ihre eigene Rente davon profitieren würde, es ist vermutlich eher so, dass sie gar keine Rente bekommen werden, sondern Sozialhilfe. 

Der Mindestlohn ist also zwar wirklich ein Geschenk, aber keines, das die Taxifahrer erhalten, sondern eines, dass sie geben. Zum Beispiel den heutigen Rentnern. Natürlich ist es nur ein kleines Geschenk, eher eine Aufmerksamkeit. In der Summe etwa in Höhe eines halben Musicalbesuchs oder einer dreiviertelstunde Stunde Kreuzfahrt, aber es ist schließlich die Geste, die zählt.

Aber - es wären keine echten Taxifahrer, wenn es nicht welche geben würde, die murren und maulen. Viele geben zu bedenken, dass sie ab nächstem Jahr gar keinen Job mehr haben werden, andere vermissen den versprochenen Zusammenhang zwischen "Vollzeit Arbeiten" und "gerechtem Lohn". Sie verweisen darauf, dass "Vollzeit" bei ihnen nicht 8 Std. sondern 10, 12, 14 Std. Arbeit bedeutet. Nicht 5 Tage, sondern 6, manche sogar 7 Tage.

Ein bestimmter Taxifahrer arbeitet aber auch nur 10 Std. an 4 Tagen und bemängelt am Mindestlohn vor allem, dass er sich mit so einem spießigen Scheiß niemals beschäftigen wollte, denn er wäre ja eigentlich "Künstler".

Es gibt aber auch Kritiker aus einem ganz anderen Lager, die behaupten Taxifahren sei gar keine richtige Arbeit und müsse deshalb auch nicht besonders gut bezahlt werden, eigentlich gar nicht.

Es ist schwierig sich in diesem Dschungel sich widersprechender Aussagen und Standpunkte zurecht zu finden.

Dazu zwei Überlegungen:

1. Wenn man nun schon der Lieblingsproletarier des bürgerlichen Millieus ist, dann muss man eben auch mal geben und kann nicht immer nur nehmen. Liebe ist keine Einbahnstraße!

2. Was Politiker als ihre Arbeit bezeichnen, ist in Wahrheit ja auch nichts anderes als institutionalisiertes Selfies verschicken. Sollten sie etwa deshalb auch gleich weniger verdienen?

Vielleicht. Vielleicht so lange bis sie ein Einsehen haben und keinen derartig miesen Pfusch mehr abliefern, wie das neue Mindestlohngesetz.