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Welt-Thema

Oktober `14

„Taxi“ ist ja jetzt Welt-Thema. Überall, wo Menschen zur Zeit ein Gespräch beginnen, kommen sie irgendwann darauf zu sprechen. Beim Frühstück, in der Kantine, sogar im Bus.

Selbstfahrende Autos, Taxi-Bestell-Apps mit eingebautem Kuh-Handel, Milliarden Dollar Investmentkapital um das „Arschloch“ Taxi aus dem Geschäft zu bomben - das sind die Themen. Google, MyTaxi, Daimler und Uber sind die Namen. Durch Einsatz der durchtriebensten Massen-Verkaufs-Waffen versuchen Konzerne ein Geschäftsfeld zu annektieren, wo es Kleingeld zu verdienen gibt!

Das ist fast schon ein Bisschen zu viel der Ehre.

Die öffentliche Meinung ist dabei interessanterweise geprägt von einem gewissen Reflex der Sorge um das Wohlergehen der Taxifahrer. Das überrascht, denn im Allgemeinen gelten sie nicht gerade als Publikumsmagneten. Auch ein Qualitätstest des ADAC, der den Kutschern ein schlechtes Zeugnis auszustellen versuchte, zündete diesmal ausnahmsweise nicht.

Diese freundliche Anteilnahme der Öffentlichkeit hat bei genauerer Betrachtung vor allem damit zu tun, dass der heimliche Lieblings-Proletarier des bürgerlichen Millieus der Taxifahrer ist. Nicht der Handwerker oder der Wirt - die gehören ja selbst schon fast dazu. Auch nicht die Verkäufer und Kassiererinnen weil, weil, weil - keine Ahnung warum nicht. Jedenfalls der Lieblings-Proletarier des deutschen Bürgertums ist der Taxifahrer und das hat exakt 3 Gründe.

Erstens ist der Taxifahrer nicht nur in der Phantasie, sondern häufig auch in Wirklichkeit noch so richtig proletarisch. Das ist schön und zwar so wie Folklore schön sein kann oder der Anblick eines alten Teekessels.

Zweitens lässt der Taxifaher keine Aufstiegsambitionen erkennen. Er ist im Gegensatz zum Facharbeiter kein Prolet, der sich über Spezialisierung oder obskure technische Kompetenzen hocharbeiten könnte und eines Tages ein Eigenheim in ihrer Nachbarschaft beziehen würde.

Drittens gibt es Berührungspunkte, denn möglicherweise hat sich der Herr Doktor mit Taxifahren sein Studium verdient oder würde es zumindest gern sehen, wenn sein Sohn es täte, dem er stattdessen die ersten 25 Lebensjahre finanziert.

Viertens ist man auf einander angewiesen - nach der Oper, nach der Weihnachtsfeier oder auf dem Weg zum ersten Flieger Morgens um 4:00 Uhr.

Fünftens gibt es immer wieder Schwierigkeiten mit Taxifahrern und zwar wegen der Strecke, dem Fahrpreis, der Sprache, dem Radio, Alkohol, Hunde, Verkehrsregeln, Trinkgeld - alles worüber Menschen verschiedener Ansicht sein könnten, ist als Konfliktstoff möglich und das verbindet. Der Taxifahrer ist somit auch ein bisschen wie das Sorgenkind, das Mutti jedoch eigentlich am liebsten hat.

Und sechstens ist der Taxifahrer häufig ein interessanter Individualist. Jemand, der man selbst sein könnte, wenn sich die Moleküle aus denen sich eine bürgerliche Existenz zusammen setzt, versehentlich ein bisschen anders verkettet hätten. Eben so, wie bei jenem komischen Vogel hinterm Lenkrad, der Einen mit seinen schrägen Einsichten in die Themen des Lebens vertraut macht, während er mit ordentlichem Tempo durch eine 30er Zone brettert.

Und ab 1. Januar 2015 kommt nun der Mindestlohn und wieder ist es das Taxi-Gewerbe über das alle reden, denn Berichte machen die Runde, dass die Sorgenkinder in den beigen Autos damit nicht klar kommen.

Ja, was ist denn nun schon wieder?

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